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Sven Nieders Aufnahmen der Camera Obscura
verweigern sich dem spektakulären EFekt des Ereignishaften,
verzichten weithin auf den Charakter des Illustrativen.
Bedingt durch ihre nur halbwegs von künstlerischer
Intention geleiteten Entstehung strahlen sie vielmehr
eine tiefe Gelassenheit aus, die dem Gegenwärtigen huldigt.
Gleichermaßen scharf und bedeutend ist jedes einzelne
Element in den zu Bildern geronnenen Landschaftsräumen, es
scheint, als habe sich der Augenblick selbst einmal Zeit
genommen. In der Summe spiegelt die kontemplative
Bilderfolge denn auch die simple lineare Grundstruktur des
Weges wider, der einzig durch mühevolles Durchschreiten Tag
für Tag ein Stück bewältigt werden kann.
Die Pilgerreise des Sven Nieder ist ein entschleunigter
Gang in
den Frühling, in dem alles seine Gültigkeit besitzt. Fast
beiläufig erkennen wir die lokalen Höhepunkte der
Pilgerfahrt, etwa die Templerkirche von Eunate, die
romanische Brücke in Puenta la Reina, die überwältigende
Kathedrale in León oder das berühmte Eisenkreuz, das im
Laufe der Zeit von Steinen überhäuft worden ist. Wer den
Weg einmal gegangen ist, dem werden auch die wunderbar
kuriosen Orte wieder begegnen, die der Camino bereithält:
das Domizil des selbsternannten letzten Templers Tomáso zum
Beispiel, oder die esoterische Enklave Sambol inmitten der
wüstenähnlichen Hochebene der Meseta. Das eigentliche
Wunder des Jakobsweges jedoch sind all die unscheinbaren
Momente am Wegesrand, die wir im Tempo des Gehens erst
wahrnehmen können. Eine Baumblüte etwa, ein Sonnenaufgang
oder ein verlassener Spielplatz. Und immer wieder das
ChiFre des Kreuzes, das an die Endlichkeit allen Lebens
erinnert. Später, mit der Ankunft am Apostelgrab und dem
Blick auf die Weite des Atlantiks, wird spürbar, daß das
Gehen selbst einen Abdruck in unserer Seele hinterlassen
hat.
So wird der, der weit geht, ein anderer Mensch.
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© Christoph Schaden, Ein
Abdruck des Gehens, aus dem Buch "Santiago - eine
Pilgerreise in Bildern der Camera Obscura"