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Der magische Handapparat wäre ihnen, so
meine weitere Vermutung, wohl sehr wunderlich, gar
diabolisch vorgekommen. Im 13. Jahrhundert dienten Bilder
in Europa fast ausschließlich zur kultischen Verehrung des
allerhöchsten dreifaltigen Gottes, Mariens und der
Hei-ligen, und ihr Gebrauch als Altar-, Andachts- oder
Wandbild in Kathe-dralen und Kirchen blieb motivisch,
räumlich und funktional streng begrenzt. Das Bedürfnis,
Erinnerungen einer mühsamen Fußreise visuell zu bannen,
wäre den Pilgern wohl niemals in den Sinn gekommen, zumal
die Lesbarkeit der Welt zu jener Zeit noch nicht genuin an
Bilder gebunden war: „Jene Erscheinungen, die der Apostel,
der Philosoph und der Dichter als InbegriF des Unwirklichen
bezeichnet hätten“, wie Oliver Wendell Holmes schon im
Jahre 1859 vermutete. Der amerikanische Gelehrte bezog sich
bei diesen wundersamen Erscheinungen auf eine mechanische
Apparatur, deren Erfindung erst wenige Jahrzehnte zurücklag
und mit deren Hilfe man tatsächlich erstmals in der Lage
war, die »flüchtigsten Spiegelbilder« zu fixieren. Es war ein
durch Licht gezeich- netes Bild der äußeren Raumwelt, dem
man fortan einen Namen gab, welcher zwar auf einer
altgriechischen Wortschöpfung beruhte, zugleich aber das
vorherrschende Bildmedium der Neuzeit bezeichnen sollte. Im
21. Jahrhundert mag der Photographie dieser magische
Grundton durch ihre allgegenwärtige Präsenz abhanden
gekommen sein, und mit ihm allzu oft auch das Wunder des
Sehens. Wer heute – im Zeitalter des Lichts – dieser
Anziehungskraft noch nachgehen will, halte sich besser an
Kinder und Künstler.
Als sich Sven Nieder im März 2003 von dem französischen
Pyrenäenort St. Jean-Pied-de-Port zu Fuß auf den Pilgerweg
nach Santiago de Compostela machte, war er fest
entschlossen, für sein Diplom den berühmten Camino Frances
mit modernster Bildtechnik zu dokumentieren. Er trug eine
hochwertige photographische Ausrüstung im Rucksack, die ihm
Aufnahmen von messerscharfer Ästhetik liefern sollte. Schon
nach wenigen Kilometern offenbarte sich ein zweifaches
Dilemma.
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© Christoph Schaden, Ein
Abdruck des Gehens, aus dem Buch "Santiago - eine
Pilgerreise in Bildern der Camera Obscura"