Ein Abdruck des Gehens

von Christoph Schaden


»Es war einmal ein junger Mann, der erhielt von seinem Meister den Auftrag, bis ans Ende der Welt zu dem Grab eines heiligen Mannes zu gehen. Unterwegs solle er mit einem handgroßen magischen Apparat die kostbarsten Augenblicke seiner Reise einfangen.
Frohen Mutes machte sich der Schüler eines Morgens auf den Weg. Die Füße trugen ihn durch Wüsten und Wälder, und das tägliche Leben wurde immer mehr bestimmt vom natürlichen Rhythmus einen jeden Tages. Auch traf er auf fremde Menschen, die ihm freundlich Unterkunft gewährten.
Als der junge Mann schließlich am Ende der Welt angekommen war und glücklich vor dem Grab des heiligen Mannes stand, bemerkte er erst, daß etwas Wunderliches geschehen war. Er hatte den magischen Apparat und den Auftrag seines Meisters völlig vergessen. Die kostbarsten Augenblicke der Reise bewahrte er stattdessen bis zum Lebensende fest in seinem Herzen auf.«

Vermutlich hätte Cäsarius von Heisterbach, einst viel gerühmter Autor der Libri miraculorum, vor gut achthundert Jahren eine Erfahrung, die Sven Nieder aus Birresborn im Herbst 2003 auf dem spanischen Teilstück des Jakobsweges machte, in solch einfache Worte gekleidet. Der Zisterziensermönch war spezialisiert auf jene simplen Geschichten, deren vornehmliche Aufgabe darin bestand, wundersame Ereignisse mit der Essenz christlicher Glaubenssätze zu verbinden. Vermutlich wäre den Zeitgenossen des rheinischen Klosterbruders bei der Lektüre dieser Geschichte auch unmittelbar die Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela in den Sinn gekommen. Im 13. Jahrhundert hatten sich nördlich der Alpen bereits tausende Menschen zu Fuß oder mit dem Pferd auf den beschwerlichen Weg zum Grab des heiligen Apostels Jakobus des 
Älteren gemacht. Entsprechend zahlreich waren die Legenden und Anekdoten, die all diejenigen zu berichten wußten, die von ihrer abenteuerlichen Reise ans Ende der Welt glücklich zurückgekehrt waren.
Doch wie hätten die Menschen des Mittelalters wohl auf jene in der Geschichte erwähnte geheimnisvolle Apparatur reagiert, mittels der man auf einer Reise Bilder festzuhalten vermochte?

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© Christoph Schaden, Ein Abdruck des Gehens, aus dem Buch "Santiago - eine Pilgerreise in Bildern der Camera Obscura"