Sven Nieder - Jakobsweg Pilger im Morgenlicht




„Wir verbringen allzuviel Zeit
in verdunkelten Zimmern”
Bruce Chatwin






Vorwort.
Was hatte ich nicht alles über den Jakobsweg gelesen, von spirituellen Reisen und sportlichen Wandertouren. Als ich mich auf den Weg machte, glaubte ich, gut informiert und vorbereitet zu sein. Im Gepäck zwei Kameras, Filme und ein Stativ, um für meine Abschlußarbeit Photos der Pilgerreise mitzubringen. Anfangs photographierte ich intensiv, spürte wenig von der Spiritualität des Jakobsweges. Doch bald ergriff mich der Camino, wie er von den Pilgern genannt wird. Mir machte die Reise auf unangenehme Weise bewußt, daß ich mich entscheiden mußte. Körperlich und mental beanspruchten mich der Weg und die Photographie so sehr, daß ein Kompromiß nicht möglich war. Zunächst schweren Herzens entschied ich mich für das Wandern. Doch dann fiel mir Schritt für Schritt leichter. Der Weg war jetzt zum alleinigen Ziel geworden. Immer häufiger blieb die Kamera, seit vielen Jahren meine ständige Begleiterin, im Rucksack. Sie wurde unwichtiger für meinen Weg. Vergessen konnte ich die Photographie jedoch nicht. Im Laufen entstand die Idee, den Weg noch einmal zu gehen. Dieses Mal Eindrücke festhaltend, Bilder mit einer besonderen Ästhetik, photographiert ohne Objektiv, ohne Sucher, offen und frei wie der Weg. Wieder zurück, brauchte ich lange, mich wieder in den Alltag einzufügen. Nie hat mich eine Reise so berührt, so gefangen, doch befreit und so verändert. Nach einer Zeit begann ich mit dem Bau einer Camera Obscura. Eine ursprüngliche Methode, die Welt abzubilden, und für mich ein Handwerkzeug, das mir die erhoffte Freiheit ermöglichen soll. Erneut stehe ich nun in St. Jean-Pied-de-Port, 900 Kilometer Fußweg auf dem Camino Frances vor mir. Selten kehre ich zu einem Ort zurück, begebe mich auf den gleichen Weg. Doch dort gibt es etwas besonderes, dem sich kaum jemand entziehen kann. Schritt auf Schritt folge ich dem Weg nach Santiago und Finis Terrae, lasse mich ganz von der Intuition leiten. Wenn mich etwas berührt, halte ich gelegentlich an und plaziere die Camera Obscura in der Welt, ich lasse ihr Sekunden, Minuten, Stunden, um den Weg einzufangen. Zeitspannen, niemals Momente, sammle Photographien, Lichtbilder.

Sven Nieder